von Annette


'Die sehr persönlichen Erfahrungen einer Bauingenieurin, die keine werden wollte'
Eine super Geschichte und Mutmacherin nicht nur für TechnikFrauen!

Sommer 1991, ich will Architektin werden. Nicht Bauingenieurin, wie so mancher vorschlägt wegen der viel besseren Berufsaussichten (die dann alles andere als rosig sind, als es drauf ankommt). Bauingenieure sind doch die Jungs die nur mit Plastikschalen-Koffer, schlecht sitzenden Jeans und Schnauzbärten an die Uni kommen? (Es dauerte ca. 6 Jahre bis ich dieses Vorurteil mühsam aber mit Erfolg abgelegt hatte! Mein jetziger Freund ist Bauingenieur, trägt gutsitzende Anzüge und Ledertasche und rasiert sich regelmässig). Im schlimmsten Fall hat Papa eine Bauunternehmung, im zweit schlimmsten Fall ein Ingenieurbüro. Da gibt's doch niemand, der den Beruf nicht bei Papa, Onkel oder Opa abgeguckt hat. (natürlich nicht bei Mama, Tante oder Oma!). und da sollte ich mich hinzugesellen? Niemals! Doch dann kommt der Bescheid vom Kultusministerium, kein Studienplatz für Architektur. Und ich war noch so stolz auf mein gutes Abitur!
Also doch Bauingenieurin, den Eltern zuliebe, oder um meine Ruhe zu haben?
Nach 2 Jahren hat Frau sich dann an die vielen Männer gewöhnt, und ENDLICH eine Mitstreiterin gefunden (Sabine ich danke Dir!). Eine mit der sich in der Mensa und Cafeteria prima über wirklich interessante Themen reden lässt: Karriere und Familie für Frauen unvereinbar? Was für Musik läuft denn am Donnerstag im Universum? Wie frauenfeindlich ist unsere Sprache? Wir könnten mal wieder bei mir zusammen kochen? Gehst du morgen zur Vollversammlung "Gewalt gegen Frauen"? Wann müssen wir die Hausübung abgeben?...
Nach 3 Jahren ein Ausflug über die Landesgrenzen: Technische Universität Delft/Niederlande. Wieso habe ich geglaubt, die Holländer/innen wären emanzipatorisch weiter als wir in Deutschland? An der Uni alles wie bekannt. Trotzdem macht der Aufenthalt Spass, hab mich ja an die Macho-Manieren gewöhnt. Nach einem Jahr wieder zurück nach Deutschland und dann 1997 das Diplom. Stellensuche ist schwierig in der Zeit. Dann klappt es in Holland. Ich werde Tragwerksplanerin. An der Uni hat man uns beigebracht, dass Statiker/in ein Schimpfwort ist, aber mir macht die Sache eigentlich Spass.
Doch wo bin ich nur gelandet? Ein Ingenierbüro mit 180 Leuten, und ich bin die einzige Frau. Die einzige Frau? Und wie sieht's mit all den Sekretärinnen aus, den Kantine-Mitarbeiterinnen und den Putzkolonnen, die abends, wenn alle anderen weg sind unseren Dreck wegräumen? Verzeiht mir meine Arroganz! Trotzdem, ich fühle mich verloren ohne direkte weibliche Kollegen. Und werde entweder gar nicht oder als exotisch wahrgenommen:
Internes meeting: der vorsitzende Kollege begrüsst alle: meine Herren, heute geht es um..., Zwischenruf von meinem Nachbarn: was ist mit der Dame? Ohja, die gibt's ja auch noch...
In der Mittagspause Gespräche über Motorräder, Fussball und Renovierungsarbeiten am Eigenheim. Ich fahre auch gern Motorrad, aber ich hab keinen Bock, jeden mittag so eine Maschine im Gespräch komplett auseinander zu bauen und dann wieder zusammen zu basteln. Also Lese-Ecke. Es gibt wirklich gute und interessante Fachzeitschriften in unserem Fachgebiet. Fachidiotin, ja das war ich ein bisschen in der Zeit. Dann wurden zum Glück innerhalb kürzester Zeit eine Menge neuer Mitarbeiter/innen eingestellt. Wieder keine Fach-Frau, aber Menschen die mir lagen, mit denen ich eine menge Spass hatte! Dann fällt es auch nicht so schwer, über Fax-Berichte an HERRN D zu lachen, und über Telefonanrufe die folgendermassen verlaufen:

- Guten Tag, Annette D am Apparat (ich versichere Euch, meine Stimme ist alles andere als männlich!)
- Guten Tag, hier spricht Fa. Sowieso, kann ich HERRN D sprechen?
- Den gibt es hier nicht... aber falls Sie FRAU D sprechen wollen, die ihnen die Bemessung geschickt hat, sind Sie ganz richtig
- Oooh, ja ... entschuldigen sie
- Sie sind leider nicht der erste, dem das passiert, aber worum geht's denn?.....

Und die Arbeit? Macht Spass, alles ist neu und spannend und als die erste Stütze die ich selbst ausgerechnet habe, betoniert ist, bin ich stolz!! Sie steht übrigens immer noch!
Ein halbes Jahr nachdem ich angefangen habe tauchen die ersten Gerüchte auf: wir bekommen den Auftrag für den Holländischen Pavillon auf der EXPO2000 in Hannover. Wahnsinnstragwerk, und in Deutschland zu bauen, nach Deutschen Normen... darf ich da vielleicht... aber bei der geringen Erfahrung... immerhin kenne ich die Normen... und Deutsch ist ja auch kein Problem... aber so schlecht ist das Deutsch der Kollegen auch nicht... ein Gespräch mit dem Chef: wir brauchen jemanden der die Normen kennt, ab jetzt arbeitest du am Holländischen Pavillon mit! Ich kann's kaum fassen! Ich berechne das Tagwerk für den Holländischen Pavillon auf der EXPO2000 in Hannover!
Die nächsten 1 ½ Jahre ist dieser Bau alles was mich beschäftigt und zwar Tag und Nacht.

Ich modelliere und rechne hauptsächlich (Für alle nicht-bautechnischen Frauen: Es geht um Berechnungen am Computer. Mittels eines Rechen-Modells wird der Kräfteverlauf im Gebaeude ermittelt und können daraus die Abmessungen von Stützen, Trägern, Wänden usw. bestimmt werden). In dem Moment in dem wir mit unserer Prüfstatik anfangen sind die Architekten noch mitten im Entwerfen. Ständig wird weiterentwickelt und optimiert. Dann sind da noch die finanziellen Rahmenbedingungen die immer wieder zu Änderungen zwingen. Die Zeit drängt. Ein EXPO-Pavillon der nicht zur Eröffnung der EXPO fertig ist: undenkbar! Schliesslich Baubeginn. Die Zusammenarbeit mit Deutschen Instanzen und Firmen wird intensiver. Ich modelliere und rechne immer noch sehr viel, erledige aber auch viel Fax-Verkehr, Telefonate... Stress pur für alle Beteiligten, manchmal sind die Nerven mehr als zum zerreissen gespannt. An so einem Tag kommt folgender Anruf bei unserer Abteilungssekretärin an:

- Guten Tag, Fa. Irgendwer, kann ich bitte Herrn xy sprechen (xy ist Projektleiter für die EXPO in unserem Büro)
- Herr xy ist momentan ausser Haus
- Können sie mich dann an seine Sekretärin Frau D weiter verbinden?

Da fällt das Lachen dann schon schwer... Aber das sind zum Glück Ausnahmen, die frau zwar nicht mehr vergisst, die aber vor allem zum weitermachen motivieren. (von wegen Sekretärin, denen werde ich es zeigen!)
Das erste Baumeeting noch zusammen mit dem Kollegen, danach als Frau alleine in den Dschungel, der Bauausführung heisst. Es ist Kampf, für alle, auch den Männern fällt es manchmal schwer, sich durchzusetzen. Ich weiss, meine Stärken liegen woanders, aber ich kämpfe mich durch, mache meinen Teil...ich werde nicht mit Samthandschuhen angefasst, aber auch nicht in die Pfanne gehauen, weil sie meinen mit der können sie's ja machen.
Es bleibt spannend. Kann so ein Wahnsinnsbau tatsächlich realisiert werden. Und auch noch im Zeitlimit?
Das Medien- und Publikumsinteresse steigt. Anfragen für Vorträge. Hast du Lust so was mal zu machen, werde ich gefragt. Klar, das scheint mir der ultimative Kick zu sein. Also stelle ich mich zum ersten mal vor ca. 60 Menschen in einen Saal und erzähle von unsere Arbeit. Es macht Spass, die Leute sind begeistert. Und ich bin ab diesem Moment süchtig... Wieder und wieder findet sich eine Gelegenheit für einen Vortrag und ich lasse mir keine entgehen.
Trotzdem ist Rechnen und Bemessen natürlich immer noch die eigentliche Arbeit. Hört es denn nie auf? Wieviele Fragen und Änderungen können denn noch kommen? Und dann eines Tages wird mir klar, die Telefonate werden weniger, schon ewig kein Fax mehr gesehen. Kann es wirklich vorbei sein? Da haben wir monatelang geglaubt dass wir es nicht schaffen, ist es jetzt denn tatsächlich doch geschafft? Es sieht ganz danach aus: der Rohbau ist fertig, noch ein paar stressige Wochen für die Kollegen vom Innenausbau, und dann ist es so weit:
Am 01.06.2000 wird die Weltausstellung EXPO2000 und damit auch der Holländische Pavillon eröffnet.
Stolz und glücklich bin ich, froh dass der Stress vorbei ist. Und ein klein wenig traurig, dass das alles tatsächlich jetzt vorbei ist. Denn um ehrlich zu sein, ich habe mich ganz schön an den Trubel gewöhnt, die Nacht- und Wochenend-Aktionen, die regelmässigen Fahrten nach Hannover, die Kontakte nach Deutschland, die Vorträge... Dass es Entzugserscheinungen nicht nur bei Drogenabhängigen gibt weiss ich seit ich wieder "normale" Projekte bearbeite, die natürlich alles andere als normal sind, aber für mich nie an die Dimension des EXPO-Pavillons heranreichen können.
Inzwischen habe ich nicht nur "normale" Projekte, sondern auch eine KollegIN. Ja eine Bauingenieurin. Wir sind jetzt 2 Fach-Frauen in unserer kleinen Zweigniederlassung, zwischen 9 männlichen Kollegen. Es ist entspannend nicht mehr DIE einzige zu sein! Auch wenn wir nicht zu allen Themen dieselbe (?Frauen-)Meinung haben. In einem sind wir uns aber auf jeden Fall einig: es gibt genug Frauen, die sich und ihre Talente zum Vorteil aller in unsere Männerdomäne einbringen können. Meine Geschichte soll Euch Mut machen, sich der Herausforderung zu stellen. Vielleicht hilft Euch die Gewissheit: ich wollte nie Bauingenieurin werden, aber jetzt bin ich es aus Überzeugung!

© Annette D 2000
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