Gin Tonic von Rebecca Machauer


Eine heitere Geschichte zum Thema
"Banalität eines Besäufnisses"
Hoher Wiedererkennungswert für alle,
die ab und an mal ein Tröpfchen trinken...


Gintonic

Auf der Arbeit. Spätschicht. Langeweile. Überlegungen über:

Das perfekte Frühstück:

Schwarzbrot
Brötchen
Avocadocreme
Kräuterquark
diverse Käsesorten
Camenbert
Tomaten
Gurken
Ei-Salat
Kräuterbutter
O-Saft
Kaffee
Sekt
Oliven
eingelegter Schafskäse
Frühstücksei
Lachsfrischkäse
Erdbeer-Orangenmarmelade
Honig
Nutella
Schnittlauch
Alfalfasprossen
Senf


- bevor wir in die Kaschemm gehen sollten wir noch was essen. Ich hab total Hunger.
- ja, sollen wir im Nüdelchen was essen, oder wo?
- Natüürlich im Nüdelchen!
- Eh, die haben sich voll angestellt wegen dem Frauenabend.
"was schon wieder'n Frauenabend?". ich glaub die können das nicht vertragen, dass sie nicht im Mittelpunkt des Interesses stehen.
- aber die machen doch dauernd Abende nur unter Typen. Und da ist es völlig normal, dass da keine Frauen bei sind.
-Wahrscheinlich können sie die Vorstellung nicht vertragen dass Frauen weggehen ohne Männer kennenlernen zu wollen. Das kränkt das Ego.
- Mein Ego wird nicht krank, bloss weil die Typen alleine sein wollen.....

Wir essen in Rekordgeschwindigkeit jeder eine Riesenportion Nudeln und handeln auf die Schnelle Themen wir Totschlag und das Leben danach für alle Beteiligten, die Entwicklung der Geschwister und der eigene Drogenkonsum und ethische Fragen zur Schuld ab. Dann schnell in die Bahn. Überlegungen, was getrunken wird.

- Heute trinke ich aber keinen Alkohol. Ich kann ja nicht dauernd Bier trinken. Das ganze Sauferei kann einfach nicht auf Dauer gut sein.
- Ich hab heute auch keinen Bock Alkohol zu trinken, aber irgendwie weiss ich dann nie was ich trinken soll. Den ganzen Abend Wasser zu trinken das ist total langweilig. Und auf Säfte steh ich nicht, Cola erst recht nicht.
- Malzbier könnte man trinken.
- Ja cool, hab ich auch schon total lange nicht mehr getrunken.

Schweigen.

- Was ich ja auch schon ewig nicht mehr getrunken hab ist Gintonic. Das hab ich immer in der Macke früher getrunken, wo Moritz da noch gearbeitet hat. Das war immer ziemlich geil. So mal eben da rüber gehen, an der Theke hocken und in aller Ruhe Gintonic trinken. Dazu die schlechte Musik und die Doofdeppen beim moshen beobachten. Nach Feierabend dann noch einen schönen Joint rollen und dann ziemlich angeschlagen nach Hause wanken und im Aufzug Kicks kriegen.
- He, Gintonic! Hab ich auch lange nicht mehr getrunken. Sehr geil.
- Ist ja super, jetzt sind wir von Malzbier auf Gintonic gekommen. Das ist ja mal wieder super mit uns. Scheiss auf gute Vorsätze.
- Schade, dass die anderen Mädels nicht mitkommen.
- Eh die memmen wieder rum! Mädchen!
- Na dann hauen wir halt alleine auf die Kacke.
- Ich kann mich garnicht mehr erinnern wann wir das letzte Mal so richtig zu zweit nur weggegangen sind.
- Ich auch nicht. Na dann wurde das ja auch höchste Zeit. Was ist denn heute das Motto in dem Koko?
- Frauenmusik.
- Was kann man sich denn darunter vorstellen?
- Naja Musik wo halt Frauen mitmachen.
- Da kann man ganz coole Sachen spielen. Schön.

Im Koko angekommen, herrscht noch ziemliche Ruhe. Wir können uns den perfekten Platz für den Abend noch aussuchen und Chris holt die ersten Gintonics. Ein Prost auf uns. Es laufen Ysti Girls, Madonna, Rainbirds und dergleichen. Betonung auf 80er Jahre Musik. Die zweiten Gintonics. Die Stimmung ist entspannt und wir stellen fest wie praktisch es ist Hartalk zu trinken, weil man nicht so häufig zur Toilette muss und zudem viel fitter ist, als wenn man Bier trinkt. Ausserdem, stellen wir fest, hat es mehr Stil. Säufergespräche. Wir glauben nichts vom Alkohol zu merken und zudem schmeckt es auch noch verdammt gut. Die dritten Gintonics. Das Koko ist inzwischen gut gefüllt mit überwiegend männlichem Publikum und wir sinnieren darüber, warum an einem Frauenmusikabend so viele Männer kommen.

- Vermutlich hoffen sie hier all die Frauen zu treffen, die auf Frauenmusik stehen.
- Ausser uns sind aber nicht allzu viele davon da. Und wir sind dann auch noch weit davon entfernt jemanden kennenlernen zu wollen.

Zwei Typen setzen sich zu uns an den Tisch. Sind aber ebenso wie wir in ihr Gespräch vertieft. Eine von uns holt die vierten Gintonics. Die Typen schauen auf unsere Drinks. Einer von ihnen fragt uns, ob wir ihm die Zitronen geben , die wir die ganze Zeit schon unausgelutscht neben unseren Gläsern auf dem Tisch stapeln. Die Musik wird immer schlechter. Viel Schlager, sehr viel Pop. Dazu tanzen ein paar Leute, schon ziemlich angeschlagen. Die ganze Schlagermucke nervt. Chris meint, dass es doch nicht so viele Frauenbands oder Bands mit Frauen gäbe, die was taugen und überhaupt gäbe es kaum Bands mit Frauen. Ihr würden spontan jedenfalls nicht allzu viele einfallen bis auf L7, Babes in Toyland, Portishead, Madonna und so.

- He, es gibt doch massig Bands mit Frauen. Was ist mit Patti Smith, P.J. Harvey, Björk, Billie Holiday, Cranes, Sioxsie and the Banshees, Sonic Youth.
- Hm ja, und Guts Pie Earshot.
- Wer ist denn das nochmal?
- Die hast du bestimmt auch mal in der Lilienstr. gesehen. So mit Geige.
- Kann ich mich nicht dran erinnern. Sind die gut?
- Ja, aber die gibt es schon lange nicht mehr. Ansonsten fallen mir noch Ideal, die Lolitas, und Gingo de Lunch ein.
- Was ist mit Sluts, Lamb, Czech, Jelisha, Velvet Underground mit Nico, Nina Hagen,......eh ich könnte stundenlang weitermachen. Ich könnte hier supervielbesser auflegen. Die würde ich nass machen!
- He krass, was dir alles für Bands einfallen. Hm...Diamanda Galas, Sylvia Juneosa.
- Garbage, äh ich hasse die Frau. Die waren so schlecht auf der Loreley. Aber da stehen voll viele Typen drauf. Dabei ist die nur so ein Kim Wilde - Verschnitt der 90er Jahre. Der Name passt voll, Garbage. Der Daniel ist voll auf die abgefahren und er hat sich garnicht mehr eingekriegt, wie sexy sie wäre. Ich hab da während des Konzerts Schmiddi getroffen und mit dem hab ich dann abgekotzt.
- So schlimm find ich die nicht, die ist nur langweilig. Mädchenmusik. Girlie für Spiessertussen.
- Ich mag "I'm only happy when it rains" und "Paranoid" ist auch gut. Aber ansonsten: uaaäärg!
- Was gibt denn das?
- Ich schreib mal alle Bands mit Frauen auf, die mir einfallen.
- Ich glaube heute Abend, ist der Abend der Listen. Erst die Frühstücksextaseliste und jetzt das hier. Pam Grier "I'm a long time woman". Supergeiler Song! Wichtig!
- Wie heisst nochmal die Frau, die "This boots are made for walkin'" gesungen hat? Ich liebe den Song. Ich will den schon seit Ewigkeiten haben und finde ihn nicht.
- Nancy Sinatra! Ich hab das auf so einem Sampler! Leider ist das nicht die originallange Version, aber schon sehr geil!
- Ohh!! Nimmst Du mir das auf? Wie geil! Hab ich Dir heute eigentlich schon gesagt, dass Du immer für mich auflegen kannst, dass Du die allerbeste Plattenauflegerin für mich bist?
- Ja! Aber danke, danke, ich höre es immerwieder gerne. Natürlich lege ich immer für dich auf!
- Willst du mich heiraten und immer Musik auflegen?
- Natürlich!

Die Typen neben uns bringen noch ein paar Vorschläge zu der Liste von Bands mit Frauen. Währendessen bringt uns der Keeper Gintonics aufs Haus.

Frauen machen Musik

Garbage
Kim Wilde
Madonna
Lucious Jackson
Phume
P.J. Harvey
Jelisha
Sonic Youth
Hole
Cardigans
Sinhead O'Connor
Björk
Tricky
Massive Attack
Lamb
Czech
Nicolette
Arrested Developement
Guano Apes
Skunk Anansie
Erykah Badu
Schwester S
Dead Moon
Patti Smith
L7
Babes in Toyland
Portishead
Rainbirds
Sluts
Jingo de Lunch
Lolitas
Guts Pie Earshot
Ysti Girls
Crass
Berurier Noir
Cranes
Monochrome
Siouxsie and the Banshees
Pixies
Ideal
Döf
Nina Hagen
Nena
Bananarama
Cindy Lauper
Kylie Minogue
Whitney Houston

Pat Benatar
Laura Brannigan Janet Jackson
Latoya Jackson
Rainbirds
Guesch Patti
Samantha Fox
Tina Turner
Hayze Fontaysee
Diamanda Galas
Breeders
Olivia Newton-John
Sylvia Juneosa
Bikini Kill
Sleater Kimey
Liz Phair
Foxy Brown
Pizzicato Five
Avengers
Joan Jett
Tic Tac Toe
Spice Girls
Salt'n'Pepper
Marielle Matieu
Chaka Khan
Ina Deter
Frl. Minke
Marie Karöck
Donnas
Blondie
Janis Joplin
Billie Holiday
Edith Piaf
Mahila Jackson
Ella Fitzgerald
Shirley Basset
Zarah Leander
Celia Cruz
Marlene Dietrich
Doris Day
Nancy Sinatra
Marilyn Monroe
Bangels
Tracy Chapman
Pretenders
Doro Pesch
Bonnie Tyler
Helen Schneider
Roxette
Eva-Maria Hagen

Ingrid Caven
Romina Power
Cora E.
Earher Kitt
Experiments in Terror
Tracy Ullman
Ricky Lee Jones
Jule Neigel
Nico
Boney M.
Candy Dulfer
Brainticket
Frumpy
Hildegard Knef
Mamas and the Papas
Sneaker Pimps
Connie Francis
Pointer Sisters
Grace Jones
Cher
Gloria Gaynor
Melanie
Marianne Rosenberg
Katarina Valente
Nana Mouskuri
Juliane Werding
Melissa Etheridge
Kate Bush
Pam Grier
Abba
Dusty Springfield
Vaya Con Dios
Edie Brickel
Marianne Faithfull
B 52's
Violent Femmes
The Glove
Yma Sumac
Nina Simone
Spain
Smoke City
Dan
Maria McKee
Bikini Kill
Chrissie Hyde


Danach weitere Gintonics. Die Typen laden uns zu einer Maiparty zu sich ein. Aber unser Interesse an ihrer Untererhaltung erlahmt, sofern es jemals vorhanden gewesen ist. Wir fahren viel zu sehr unseren eigenen Film, als dass dort Platz für diese Typen wäre. Zudem Tom und Stefan im Koko zusammen auftauchen und Chris' Aufmerksamkeit ablenken. Sie setzen sich zu uns an den Tisch, reden aber nicht mit uns, auch wenn Tom D. nicht aus den Augen lässt. Das Koko leert sich zusehends und unsere Unterhaltung wird noch banaler. Wir fangen an deutsche Städtenamen aufzuzählen, wobei Chris immer wieder versucht europäische Städte unter zu mogeln. Wir trinken jeder noch einen Gintonic.

Die Typen gehen. Wir sind nur noch zu viert in der Kneipe plus dem Keeper hinter der Theke und noch jemanden an der Theke. Es taucht die Frage auf, was wir noch machen und ob wir noch was trinken wollen. Jeder bekommt noch ein Bier. Chris bittet den Keeper inständig noch ein Bier für jeden zu zapfen.

- Bitte, bitte, bitte! Nur noch eins!

Er tut es unter dem Versprechen, dass wir dann in zehn Minuten draussen sind. Zuvor haben wir unseren lächerlich geringen Deckel gezahlt. Wir haben gerade mal drei Mark pro Gintonic gezahlt. Netter Keeper. Dann gehen wir alle Richtung Bahn. Stefan fällt bei dem Versuch auf sein Rad zu steigen böse hin, betrunken spürt er die Härte des Sturzes jedoch nicht. In grossen Schlangenlinien fährt er Faxen machend und singend die Strasse lang. Tom hält Chris im Arm und komplimentiert sie, während ich ein paar Schritte weiter vorne gehe und langsam spüre wie mir die Beine weich werden und ich betrunken werde. Er dirigiert uns zu einer Bar, die jedoch schon geschlossen hat. Als wir durch den beleuchteten Nebel an der Tür die Treppe runtergehen sitzt der Keeper noch mit einigen Leuten in roten Sesseln in rotem Licht und rollt zu Triphop und der dopeschwangeren Luft noch einen Joint. Tom und Stefan versuchen ihn noch zu überreden und Bier auszuschenken, aber der Typ hat keinen Bock auf uns betrunkenen Vier. Chris und ich sind noch relativ klar, aber die Jungs haben es ziemlich hinter sich. Stefan regt sich auf, weil er kein Bier mehr bekommt. Wir winken ab. Tom schlägt vor, dass wir noch alle zu ihm gehen und Whiskey trinken. Chris fragt Stefan ob er mitkommt. Der Blick für eine Zehntelsekunde spricht Bände. Dann hat er sich gefangen und lehnt normal ab. Ich steuere schon so halb das nächste Taxi an und Chris öffnet mir die Tür und drückt mir Geld in die Hand.

Ich sage dem Fahrer meine Adresse, die Tür schliesst sich mit einem satten Ton, ein letzter Blick auf Chris und Tom, die knutschend auf der Ecke des Platzes stehen, beleuchtet von Neonreklame, und trete ab. Die Reise geht durch ein unendliches Gewirr von Lichtern, der Gin rauscht heiss in meinen Adern. Die Fahrt scheint schier endlos zu sein und ich verschmelze mit der Nacht. Lasse mich treiben von dem sanften Gefühl des Fahrens. Lasse die Lichter mich erwärmen. Wirre sexuelle Phantasien, sanftes Ziehen im Unterleib, Musik in meinem Kopf, .....she comes...movin' up slowly.......she comes.....love you, love you, love you.........she comes....., Bilder der Nacht, Gesprächsfetzen. Die Ginsonne lacht in mir und ich habe das Gefühl in die Unendlichkeit des Glücks einzugehen. Das Taxi hält und magische Hände reichen dem Fahrer das Geld und empfangen das Wechselgeld. Dieselben magischen Hände schliessen rasch die Haustür auf, die Wohnungstür und reissen die Kleidung von meinem Leib, die auf dem Weg zum Bad zu Boden fällt. Sie ziehen mir die Kontaktlinsen aus, die Zahnbürste putzt mir die Zähne und irgendwer wäscht mein Gesicht. Der Weg zum Bett wird undeutlich, aber bevor er unkenntlich wird, lasse ich mich darauf fallen. Geniesse die duftende, glatte Berührung mit dem Plümmo. Und das ist das letzte was ich noch denken kann, bevor ich in das Unbewusste hinabgleite.

© Rebecca Machauer 2000

Deine Meinung zur Geschichte:
bewerte die Website SUPER!!! MITTEL SCHLECHT
Feedback an die Autorin

eMail
zurück zu Pippi



©2000 femtopia.com Tanja Hilgers